„Ich bin ein denkbar schlechtes Vorbild“
Politiker ganz privat. Geht das überhaupt? Joachim Frank vom Kölner Stadtanzeiger hat den CDU-Abgeordneten Wolfgang Bosbach zuhause besucht. Bei Kaffee und Torte sprachen die beiden über Polit-Junkies, Handy-Empfang und etwas peinliche Intimitäten.
Wolfgang Bosbach wohnt so abgelegen, dass sogar das Navigationssystem versagt. Etwas ziellos schleiche ich durchs Bergische Land. Ein schwarzer X3 überholt, der Fahrer gestikuliert. „Blödmann!“, denke ich. Der wuchtige BMW setzt sich direkt vor mich. Am Steuer sitzt Wolfgang Bosbach. Er hat Kuchen für uns geholt und mich im Vorbeifahren erkannt. Jetzt eskortiert er mich nach Hause. Drinnen deckt er den Tisch und kocht Kaffee. Die Tortenschaufel findet er nicht, verwendet stattdessen einen Pfannenwender. „Männer!“, wird seine Frau später spöttisch sagen, als sie mit der ältesten Tochter vom Einkaufen in Köln zurückkommt und sich für eine Weile zu uns setzt.
Herr Bosbach, nach dem Streit mit Kanzleramtsminister Ronald Pofalla wegen Ihres „Neins“ zum erweiterten Euro-Rettungsschirm haben Sie erstmals über ein mögliches Ende Ihrer politischen Karriere 2013 nachgedacht. Ist die Sache jetzt entschieden?
WOLFGANG BOSBACH: Noch nicht. Ich bin wirklich froh, dass ich mich nicht schon jetzt, sondern erst Ende des Jahres entscheiden muss, ob ich 2013 noch einmal für den Bundestag kandidiere. Ich möchte zunächst abwarten, wie die nächsten Monate verlaufen und zwar sowohl politisch als auch im kollegialen Miteinander. Auch das ist für mich wichtig. Wenn es weiterhin Spannungen oder Ärger gibt möchte ich die Freiheit haben, sagen zu können: ,,Bei aller Liebe zur Politik, so kann es nicht noch vier Jahre weitergehen.“
Ist es denn so schlimm?
BOSBACH: Im Moment kann ich mich nicht beklagen. Zwar gibt es hier und da noch Frotzeleien, aber der Empfang in der ersten Fraktionssitzung des neuen Jahres war nicht kalt, sondern herzlich. Aber: die nächsten wichtigen und umstrittenen Entscheidungen zur Lösung der Staatsschuldenkrise stehen ja noch an. Wenn sich nichts grundlegend ändert, kann ich auch dem dauerhaften Rettungsmechanismus ESM nicht zustimmen. Vor über einem Jahr hat die eigene Fraktion ,,den Verzicht auf die Einrichtung eines dauerhaften Fonds für überschuldete Staaten, in dem andere Staaten der Währungsunion oder die EU Kredit oder Garantien bereitstellen müssen“ beschlossen. Darüber hinaus brauchen wir klare Regeln für den Fall, dass Staaten in der Euro-Zone hoffnungslos überschuldet und deshalb dauerhaft nicht in der Lage sind, sich selbst zu finanzieren. Nicht weil wir wollen, dass dieser Fall eintritt, sondern weil wir für diesen Fall gewappnet sein müssen. Sowohl die Privatinsolvenz, als auch die Unternehmensinsolvenz sind bis ins Detail geregelt. Nur der dramatischste Fall, die Staatsinsolvenz, soll ungeregelt bleiben. Das kann ich nicht mittragen. Wenn es sein muss führe ich eine sachliche Auseinandersetzung über diese Themen gerne, aber auf persönliche Angriffe kann ich gut verzichten.
Sie sind Pofalla immer noch gram wegen seines Ausfalls „ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“?
BOSBACH: Ach was! Natürlich ist der Vorfall nicht ganz vergessen, aber längst vergeben. Ich kenne Ronald Pofalla seit Jahrzehnten, wir hatten vorher nie irgendeinen Konflikt. Und wir wollen ja auch weiter gut zusammen arbeiten. Nein, richtig getroffen hat mich etwas anderes: Ein Fraktionskollege hat noch nach der Abstimmung über die Erweiterung der EFSF vor der Fraktion und ausländischen Gästen gesagt, an solchen Leuten wie diesen Nein-Sagern sei die Weimarer Republik zu Grunde gegangen. Wie bitte? Die Weimarer Republik ist nicht an Abgeordneten zu Grunde gegangen, die ihrem Gewissen gefolgt sind, sondern die ihr Gewissen über Bord geworfen hatten. Ein anderer hatte mich vor laufenden Kameras gefragt, ob es nicht an der Zeit sei, aus meiner Haltung persönliche Konsequenzen zu ziehen. Im Klartext: Warum legst Du nicht Dein Mandat nieder und bist noch Mitglied in Partei und Fraktion? An solchen Vorhaltungen habe ich wirklich zu knabbern.
Sie sind so lange in der Politik, da wollen Sie behaupten, das sei Ihnen neu?
BOSBACH: Ja, das habe ich tatsächlich in 17 Jahren Bundestag vorher nicht erlebt. Außerdem tut sich die CDU keinen Gefallen, wenn sie auch nur den Eindruck erweckt, es sei nur eine Einheitsmeinung erwünscht. Auch in der Bevölkerung gibt es doch in Punkto Euro-Krise ganz unterschiedliche Sichtweisen und Forderungen an die Politik – mit jeweils guten Argumenten. Das Wesen einer Volkspartei besteht doch auch darin, unterschiedliche Auffassungen offen und fair auszutragen und auch auszuhalten. Politik ist keine Mathematik. Bei einer mathematischen Aufgabe gibt es nur eine richtige Lösung. In der Politik muss man um die beste Lösung ringen. Deshalb halte ich auch das Wort ,,alternativlos“ für problematisch. Alternativen gibt es immer – es fragt sich nur, welche die bessere ist.
An welchem Punkt wird Politik zur Gewissensfrage?
BOSBACH: Für mich dort, wo ich eine Entscheidung wegen der von mir befürchteten Folgen beim besten Willen nicht verantworten kann. Natürlich hat nicht jede politische Entscheidung die Qualität einer Gewissensentscheidung und wer permanent gegen die eigene Partei und Fraktion antritt wird sich sicherlich bald selbst fragen, ob er noch in der richtigen Partei ist.
Wie oft waren Sie auf der Seite der Abweichler?
BOSBACH: Seit 1994 nur dreimal. Bei der Reform des Paragraphen 218 hatte ich die Sorge, dass das neue Recht die Zahl der Abtreibungen nicht – wie sicher vorhergesagt – deutlich reduzieren würde. Leider hat sich diese Einschätzung bestätigt. Der zweite Fall war die Erbschaftsteuerreform der großen Koalition, bei der auf einmal Geschwister, Nichten und Neffen steuerrechtlich wie familienfremde Dritte behandelt wurden. Die jetzige Koalition hat das aus guten Gründen rückgängig gemacht. Der dritte Fall war die Erweiterung des Euro-Rettungsschirmes, denn hierdurch und durch den dauerhaften Rettungsschirm ESM bürden wir der jüngeren Generation neben einer großen Schuldenlast auch noch gewaltige Risiken auf. Das halte ich persönlich für nicht verantwortbar.
Das ist für politische Entscheidungen doch nichts Ungewöhnliches.
BOSBACH: Es gab in der Geschichte des Bundestages noch keine Entscheidung, bei der das Parlament auf einen Schlag etwa zwei Drittel aller Einnahmen des Bundes in einem Jahr verpfändet hat. Ein solches Haftungsrisiko halte ich für nicht vertretbar, zumal wir dieses nicht durch eigenes politisches Handeln beherrschen können. Ob die Problemstaaten der Euro-Zone ihren Verpflichtungen tatsächlich nachkommen können, entscheidet sich weder in Berlin noch in Brüssel, sondern in Athen, Madrid oder Lissabon. Wenn wir von der Eigenverantwortlichkeit der Staaten für die Folgen ihrer finanziellen Entscheidungen Abschied nehmen und es zulassen, dass gewaltige Risiken auf andere Staaten verlagert werden, dann werden sie sich eines Tages auch realisieren. Deshalb werde ich bei dem Begriff ,,Abweichler“ immer ganz unruhig. Wieso bin ich ein Abweichler? Ich bleibe in Punkto Euro-Rettung nur bei dem, was meine eigene Partei in der Vergangenheit immer vertreten hat. Die Union war immer für eine Währungsunion, nie für eine Haftungsunion. Früher wurde man zum Abweichler, wenn man seine Meinung geändert hat. Heute bekommt man den Titel, wenn man bei seiner Meinung bleibt. Das ist schon paradox.
Müssen sich Positionen nicht ändern, wenn sich die Lage ändert?
BOSBACH: In den entscheidenden Punkten hat sich die Lage nicht verändert: Trotz großer Milliardenhilfen für Griechenland ist die Lage dort nicht grundlegend besser geworden, die wirtschaftliche Lage hat sich sogar verschlechtert. Das war zu erwarten, denn wenn von Athen verlangt wird, dass man dort strikt spart, Stellen streicht und Gehälter und Pensionen, kann die Konjunktur nicht kurzfristig anziehen. Nichts spricht dagegen, der hellenischen Republik zu helfen, damit das Land mittelfristig wieder auf eigenen Beinen stehen kann, aber eine Überschuldung kann man nicht mit immer neuen Krediten bekämpfen. Ein klares Regelwerk im Falle einer Staatsinsolvenz soll es jedoch bewusst nicht geben und zwar weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Niemand strebt dort eine Pleite Griechenlands an, aber die Staatengemeinschaft muss doch Vorsorge treffen für den Fall, dass Griechenland unter den Bedingungen des Euros dauerhaft nicht mehr in der Lage ist, sich aus eigener Kraft zu finanzieren. Griechenland hat in etwa die Wirtschaftskraft des Bundeslandes Hessen – gleichzeitig aber etwa 350 Milliarden Euro Schulden und auch weiterhin einen erheblichen Kreditbedarf. Ich habe große Zweifel, dass das auf Dauer gut geht und es muss erlaubt sein auf diese Risiken hinzuweisen, die ja auch von nicht wenigen Sachverständigen geteilt werden.
Nur den Zoff, den hält ein Rheinländer wie Sie schlecht aus?
BOSBACH: Vielleicht bin ich tatsächlich harmoniebedürftiger als andere, auch privat: Ich kann es ja schon nicht ab, wenn sich meine Töchter streiten – und schon nach einer halben Stunde nicht mehr wissen, worum es eigentlich gegangen ist. So etwas belastet mich ungeheuer.
Wie gehen Sie damit um?
BOSBACH: Die Kinder wissen: Wenn Papa ruhig wird, wird’s ernst.
Ginge es nach Ihrer Frau, wäre die Frage einer erneuten Kandidatur im Jahr 2013 …
BOSBACH:….negativ entschieden. Meine Frau wäre garantiert froh, wenn ich dann einen Schlussstrich ziehen würde. 19 Jahre Parlamentsarbeit sind eine lange Zeit. Meine Frau hat ja den Berlin-Umzug noch stärker gespürt als ich. In der Bonner Zeit kam ich ja auch in Sitzungswochen jeden Abend nach Hause. Morgens konnte ich die Kinder in den Kindergarten oder die Schule bringen. Das ist jetzt in den 22 Sitzungswochen in Berlin nicht möglich. Dadurch ist natürlich private Lebensqualität verloren gegangen, nicht nur für mich, sondern auch für die ganze Familie. Andererseits: Wenn ich plötzlich viel öfter zu Hause wäre, hätte meine Frau damit bestimmt auch Probleme und würde mich schon nach wenigen Tagen fragen, ob ich denn in der Kanzlei nicht genug Arbeit hätte. Kurzum: Solch eine Entscheidung muss gut vorbereitet sein und ich werde sie nicht übers Knie brechen. Zumal ich ja auch noch ein paar andere Baustellen habe.
Sagen Sie!
BOSBACH: Naja, subjektiv geht es mir zwar gut, aber objektiv könnte es mir besser gehen.
Wie beeinflusst Ihre Krebserkrankung Ihre Arbeit?
BOSBACH: Bis jetzt müssen weder Arbeit noch Freizeit darunter leiden. Meine politischen Termine arbeite ich akribisch ab, ich treibe regelmäßig Sport und wenn die Höhner auf der Bühne stehen denke ich keine Sekunde an den PSA-Wert. Noch habe ich weder Schmerzen noch Beschwerden und wenn ich überhaupt nichts täte, ging es mir auch nicht besser. Leider ist die objektive Lage nicht so gut wie die subjektive, aber was soll ich machen?
Wie oft gehen Sie zur Kontrolle?
BOSBACH: Bisher vierteljährlich. Aber wir müssen die Kontrollabstände verkürzen, denn die Entwicklung ist nicht sehr erfreulich. Zwar ist der PSA-Wert (PSA gehört zu den Tumormarkern und wird bei Verdacht auf Prostatakrebs und bei bestehenden Prostatakrebs gemessen, Anmerkung der Redaktion) nicht dramatisch hoch, aber er geht stetig nach oben. Und dies leider obwohl ich alle empfohlenen Therapien genutzt habe. Aktuelle Zwischenbilanz: Keinerlei Nebenwirkungen, aber auch nicht die erhofften Wirkungen.
Fragt man Sie, wie es Ihnen geht, recken Sie den Daumen hoch. Bei Ihnen bedeutet das inzwischen: „PSA-Wert gestiegen!“ Ihre Form des Galgenhumors?
BOSBACH: Natürlich nehme ich die Krankheit nicht auf die leichte Schulter. Ich befolge jeden medizinischen Rat. Es hat noch keinen Tag gegeben, an dem ich meine Medikamente nicht mit großer Präzision eingenommen hätte. Aber wenn ich miesepetrig wäre, würde es mir auch nicht besser gehen und ich bin noch nie an Dingen verzweifelt, die ich nicht ändern kann.
Sie laufen seit 2004 mit einem Herzschrittmacher herum. Haben Ihnen die Internisten nie gesagt: Treten Sie mal ein bisschen kürzer!?
BOSBACH: Doch und den Reiseaufwand habe ich auch schon reduziert. Das können Sie schon daran sehen, dass ich Aschermittwoch zunächst in Wernigerode auftrete und dann in Würzburg. Wie Sie sehen, haben Sie Recht, aber ich habe nun einmal regelmäßig einen 13-, 14- Stunden-Tag. Aber das empfinde ich persönlich nicht als Belastung, sondern als so eine Art positiven Stress. Ich gehe tatsächlich jeden Morgen gerne an die Arbeit, sowohl in Berlin als auch in der Kanzlei. Ich freue mich wirklich, wenn ich morgens ins Büro komme, denn da habe ich ein ganz tolles Team.
War die Krebsdiagnose kein Anstoß zu sagen: „Ich muss etwas anderes anfangen mit dem Rest meines Lebens“?
BOSBACH: Jedenfalls keinen Anlass, mein bisheriges Leben total umzukrempeln. Wohl aber, gelassener zu werden. Ich sage mir bei Streit und Ärger inzwischen sehr oft: Junge, es gibt überhaupt keinen Grund zur Aufregung, eigentlich hast Du ganz andere Sorgen.
Das neue Jahr ist gerade ein paar Tage alt. Beschäftigt Sie die Frage: Wie oft noch Weihnachten feiern, wie oft Silvester?
BOSBACH: Ja, die Frage stellt sich tatsächlich. Nach der ersten Krebsdiagnose hieß es, ich hätte noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von 23 Jahren. Na gut, dann wäre ich 82, wenn sich die medizinische Forschung bis dahin nicht was neues einfallen lässt. Aber bei dieser Berechnung wusste man noch nicht, dass die Therapien leider nicht den erhofften Erfolg haben würden. Eigentlich hätte nach der Operation der PSA-Wert gegen Null gehen müssen. War aber nicht so. Also: Strahlentherapie. War gut gemeint, hatte aber leider nicht den erhofften Effekt.
Das heißt, Sie haben Metastasen im Körper.
BOSBACH: Ja, leider, aber da ist man ja medizinisch glücklicherweise nicht hilflos. In wenigen Tagen wird der nächste Therapieversuch unternommen und irgendwann muss ich ja einmal als Patient Glück haben.
(Es entsteht eine Gesprächspause.)
Angst?
BOSBACH: Naja, man macht sich schon seine Gedanken, aber mit Angst geht es einem nicht besser. Andere sind viel schlimmer dran als ich! Natürlich mache ich mir Gedanken, wie ich der Krankheit Einhalt gebieten könnte, aber davon lasse ich mir den Tag nicht verderben. Auch da bin ich 100 Prozent Rheinländer(?...) – und lachen ist die beste Medizin. Wenn ich mit Micky Brühl auf einer Karnevalssitzung ein Duett singen kann, hat das genauso viel therapeutische Wirkung wie eine Ration Pillen.
Ihre Herzmuskelschwäche war die Folge einer verschleppten Grippe im Jahr 1994. Stimmt es, dass Sie Wahlkampf gemacht haben, statt sich auszukurieren?
BOSBACH: Ja, daran kann ich mich noch genau erinnern. Mitten in einem wunderschönen Sommer hatte ich plötzlich eine heftige Grippe. Die konnte ich im Wahlkampf überhaupt nicht gebrauchen. Da dachte ich mir – irgendwie geht das schon. Im Herbst ließ dann die Herzleistung nach. Plötzlich lag ich in der Kölner Uniklinik und musste nachfolgend viele Medikamente einnehmen. Und dann kam das, was viele kennen: Kaum ging es mir besser, wurde ich bei der Einnahme der Medikamente zunächst nachlässig und später habe ich sie dann nicht mehr genommen. Genau 10 Jahre später, fiel meine Herzleistung dann rapide ab, sie lag nur noch bei 20 Prozent. Da habe ich kaum noch die Stufen zur Haustür geschafft.
Wie bei Horst Seehofer.
BOSBACH: Bei ihm war es noch dramatischer: Herzleistung unter 10 Prozent – das bedeutet akute Lebensgefahr. Horst Seehofer hat mir damals sehr geholfen! Er hat mir seinen Arzt an der Berliner Charité empfohlen. Die Operation (Einbau von Herzschrittmacher und Defibrillator gegen den plötzlichen Herztod, Anmerkung der Redaktion) und die medikamentöse Therapie haben mir sehr geholfen. Bei der Entlassung habe ich gesagt: So, dass war eine Lehre, ab jetzt wird kürzer getreten. Zwei Tage später war ich auf einer Klausurtagung der Landes-CDU und kurz danach in der Sendung von ,,Sabine Christiansen“. Wenn das jetzt meine Mutter liest, gibt es bestimmt beim nächsten Besuch eine pädagogische wertvolle Ansprache. Heute liegt die Herzleistung zwar immer noch unter dem Durchschnitt, aber deutlich über 40 Prozent. Damit kann ich leben und der Schrittmacher belastet mich nicht.
Sie haben vom „Stein in meiner Brust“ geredet.
BOSBACH: Manchmal ja, da spüre ich ihn tatsächlich als Fremdkörper, so zum Beispiel bei einem Wetterumschwung oder psychischer Belastung.
Wenn Sie sich was zu Herzen nehmen.
BOSBACH: Ganz genau: An dieser Formulierung ist viel Wahres.
Hadern Sie mit Ihrer Nachlässigkeit vor 20 Jahren?
BOSBACH: Ja, heute mache ich mir selber deswegen Vorwürfe. Ebenso wegen mangelnder Krebsprophylaxe. Ich bin nie in meinem Leben zu einer Vorsorgeuntersuchung gegangen. Dabei wäre der Krebs höchstwahrscheinlich viel früher entdeckt worden – mit besten Heilungschancen. Gerade die Diagnose Prostatakrebs ist ja kein Grund zum Verzweifeln. Da gibt es gute Heilungschancen – sofern die Erkrankung früh entdeckt wird. In Punkto Vorsorge bin ich ein denkbar schlechtes Vorbild. Ich habe mir ständig zwei Standardausreden zurecht gelegt: 1. Mir fehlt nichts. 2. Demnächst gehe ich ganz bestimmt, aber im Moment geht es terminlich gar nicht. Sollte jetzt jemand denken ,,Oh, das kommt mir bekannt vor!“, dann kann ich nur sagen: „Runter vom Sofa und hin zur Vorsorge!“.
Welches Gefühl haben Sie dabei?
BOSBACH: Kein schönes Gefühl, selbst Schuld! Deshalb sage ich mir heute: Nicht noch einmal! Seit Mai 2010 habe ich jedenfalls noch keinen Arzttermin versäumt.
Nur die Entfernung der Prostata, die haben Sie bis auf den Tag nach der NRW-Landtagswahl 2010 verschoben.
BOSBACH: Richtig, aber erst nach einem o.k. der Ärzte. Also wirklich, was denken Sie denn von mir? Als im April der traurige Biopsie-Befund kam, war klar, es gibt zwei Möglichkeiten: Bestrahlung oder OP mit Entfernung des Übels. Ich habe mich für die radikale Lösung entschieden, auch weil ich den Tumor sofort und komplett aus dem Körper haben wollte. Gehört nicht dahin, muss weg! Längstens drei Monate hätte ich warten dürfen, war die Auskunft. Aber ich war schon nach sechs Wochen unter dem Messer. Vielleicht kein vorbildliches Verhalten, aber auch kein unverantwortliches.
Und danach?
BOSBACH: Eigentlich war alles gut. Alles, was wir Männer nach so einer OP befürchten, ist bei mir nicht eingetreten.
Inkontinenz…
BOSBACH: Sie wollen es aber auch ganz genau wissen! Ich sag es mal so: Südlich des Äquators war alles in bester Ordnung.
Hmm. Peinliche Themen?
BOSBACH: Ehrlich gesagt, ja! Andererseits: Klare Worte sind immer besser als verschwindeltes drumherum reden und jede Heimlichtuerei führt zu wilden Spekulationen. Wer den Text liest, wird wissen, was ich meine. Und wenn man sagt, was Sache ist, ist das Thema durch. Außerdem möchte ich gerne ein bisschen aufrütteln. ,,Liebe Leute, ich habe einen Fehler gemacht. Jetzt seht ihr, was ich davon habe. Verhaltet euch klüger, geht zur Vorsorge!“ Politiker sollen ja immer mit gutem Beispiel vorangehen – in diesem Falle bewirkt mein schlechtes Vorbild vielleicht am Ende noch was Gutes.
Beispiel geben, Vorbild sein. Wie steht es denn damit bei Bundespräsident Wulff?
BOSBACH: Ein zweites Stück Kuchen und noch eine Tasse Kaffee?
Eine Antwort wäre mir lieber.
BOSBACH: Wenn ich Ihre Frage nicht beantworte, dann bedeutet das im Umkehrschluss nicht, dass ich zu dem Thema keine klare Meinung habe, aber ich muss sie ja nicht unbedingt öffentlich verkünden! Ich sage es einmal so: Wahrscheinlich würde Christian Wulff diese oder jene Entscheidung anders treffen als damals und das Krisenmanagement war in den letzten Wochen nicht 100 Prozent optimal. Mehr gibt es zu diesem Thema von mir nicht.
Noch mal zu Ihrem Umgang mit der Krebskrankheit. Welche Rolle spielt Gott Glaube für Sie?
BOSBACH: Mein Glaube hat für mich immer eine große Rolle gespielt und man bittet den lieben Gott gerade in schweren Zeiten um Beistand. Gleichzeitig hadere ich etwas mit ihm, denn ich habe mich schon mehr als einmal gefragt ,,Junge, womit hast du das verdient?“ Ich hatte doch schon ein Päckchen zu tragen, musste der liebe Gott mir auch noch ein zweites auferlegen? Ich habe in meinem Leben nie geraucht, immer Sport getrieben, kein großes Übergewicht und mich eigentlich immer gesund ernährt. Und wenn die Ärzte mir was für die Zukunft verbieten wollten habe ich immer gesagt ,,Tut mir Leid, damit kann ich nicht aufhören, damit habe ich noch nie angefangen!“ Da fragt man sich natürlich, wie man dennoch gleich zweifach so ernsthaft erkranken kann. Na gut, gelegentlich habe ich mir schon das eine oder andere Kölsch gegönnt, aber das fällt doch im Rheinland unter die Rubrik Grundnahrungsmittel.
Gott könnte Ihnen mit Ihren eigenen Worten antworten: selber schuld!
BOSBACH: Tja, damit hätte er wohl Recht. Trotzdem hadere ich ein wenig, gleichzeitig fühlte ich mich immer in Gottes Hand geborgen. Das ist wohl das Wesen des Glaubens. Menschen ohne religiöse Bindungen haben es in vergleichbarer Lage sicherlich schwerer.
Weil sie sich bei niemandem beschweren können?
BOSBACH: Natürlich ist der liebe Gott keine Beschwerdeinstanz. Aber ohne Glauben, ohne religiöse Bindungen fehlt ein Gegenüber zur stillen Zwiesprache. Beten ist für mich nicht nur das Aufsagen eines Gebettextes, sondern auch und gerade eine ganz persönliche, ganz private Unterhaltung mit Gott. (Bosbachs Frau kommt herein und tritt an den Tisch.)
WOLFGANG BOSBACH: Setz Dich doch dazu! Stelle Dir vor, Dein Mann hat akzeptablen Kaffee gekocht und ein bisschen ist noch da.
SABINE BOSBACH: Wir haben auch eine Warmhaltekanne. Möchten Sie frischen?
Danke, nein. Macht Ihr Mann das eigentlich richtig mit der Null-Reduzierung seines Pensums?
SABINE BOSBACH: Ich sage dazu nichts. Ich würde die Sache etwas anders angehen, aber das muss er selbst wissen. Da kommen wir auf keinen gemeinsamen Nenner.
WOLFGANG BOSBACH: Aber ich habe doch heute Mittag brav …
SABINE BOSBACH: … Seit geraumer Zeit empfehle ich eine ganzheitliche Kur, wo sie den ganzen Menschen ansehen, mit seiner Ernährung, mit Formen der Entspannung, Sport und so weiter. Das fände ich ganz wichtig, und die drei, vier Wochen sollte man sich nehmen. Dann weiß man Bescheid.
BOSBACH: Hast du nicht selbst erzählt, der Arzt habe dir gesagt, „an Ihrem Mann werden Sie noch lange Freude haben“?
SABINE BOSBACH: Stimmt, das hat er gesagt.
WOLFGANG BOSBACH: Das Schlimme ist, meine Frau hat mir jetzt eine Tabuliste mitgebracht, auf der alles steht, was ich gerne esse.
SABINE BOSBACH: Na komm, so wild ist es nun auch nicht. Nudeln, Brot, Reis… Und das da (zeigt auf den Kuchen), das geht gar nicht.
WOLFGANG BOSBACH: Darum auch nur ein halbes Stück.
Ist das schon zu viel?
SABINE BOSBACH: Nö, allzu streng sollte man das auch nicht handhaben. „Achten Sie halt auf sich!“, hat mir der Professor gesagt, mit dem ich gesprochen habe.
WOLFGANG BOSBACH: Und von einem Patienten erzählt, den er jetzt schon 20 Jahre betreut.
Und jetzt diskutieren Sie, was „auf sich achten“ bedeutet?
SABINE BOSBACH: Ich diskutiere nicht. Ich kann nur Empfehlungen geben. Noch ein gutes Gespräch wünsche ich!
(Sie steht auf.)
BOSBACH: Mein Problem ist nur: Alles das, was mir die Ärzte außer den Kohlehydraten verbieten wollen, habe ich noch nie gemacht. Ich habe nie geraucht, nie viel Alkohol getrunken, ich habe kein hohes Übergewicht, wenig schlaflose Nächte.
Als wir noch im alten Jahr diesen Termin vereinbart haben, fiel beiläufig die Bemerkung, Sie hätten bis Ostern keinen Abend mehr frei. Entschuldigung, das ist doch der blanke Horror.
BOSBACH: Ich bin gerade dabei, die Termine für Aschermittwoch zu vergeben. Nicht 2013, für 2014. Kein Scherz! Das sind besonders begehrte Termine.
Erwischt! Sie planen also doch längst über die Wahl hinaus.
BOSBACH: Ich füge in jeder Antwort hinzu: ,, Aber bitte denken Sie daran, dass ich dann vielleicht nicht mehr im Bundestag bin.“ Die Standardantwort lautet dann: ,,Wir sind da voller Vertrauen!“
Es bleibt der Eindruck: Der Mann kann es einfach nicht lassen. Der ist süchtig.
BOSBACH: Stimmt aber nicht. Ich mache zwar mit Leidenschaft Politik und ohne sie würde ein wichtiger Teil meines Lebens fehlen. Aber ich definiere mich nicht über Politik. Es gibt Wichtigeres.
So? Was denn?
BOSBACH: Na, das Leben an sich – die Familie, die Kinder. Alles wichtiger als Politik!
Und trotzdem schalten Sie nie ab. Ein Kollege [Markus Decker vom „Kölner Stadt-Anzeiger“] hat mir mal erzählt: „Habe gerade mit Bosbach telefoniert – und im Hintergrund die OP-Schwester gehört.“ Typisch Polit-Junkie!
BOSBACH: Nein, nein, nein. Ich sage Ihnen was: Das spart Zeit und Arbeit. Den Leuten hinterher zu telefonieren, ist viel mühsamer, als erreichbar zu sein und die Telefonate direkt zu erledigen. Wenn jemand um Rückruf bittet, dann springt in neun von zehn Fällen entweder die Mailbox an, oder es geht niemand ans Telefon oder die Leitung ist besetzt. Das macht einen verrückt. Deswegen bin ich auch im Urlaub fast immer erreichbar, weil ich weiß: Wenn ich das Handy ausmache und die Leute mir die Mailbox vollquatschen, habe am Ende ich das Problem, nicht die Anrufer. Und wie problematisch Anrufe auf Mailboxen sein können, haben wir ja gerade erlebt, hi,hi.
Sie schalten das Handy wirklich nie ab?
BOSBACH: Doch. Beim Tennis und in der Sauna bleibt das Ding aus. Na gut, in der Sauna. Da aber ganz bestimmt - da ist ja sowieso Handyverbot.
Für eine Stunde. Das nennen Sie „abschalten“?
BOSBACH: Das geht jedenfalls dann nicht anders, wenn man für die Innenpolitik verantwortlich ist. Politische Top-Themen kann man in diesem Bereich nie planen. Wenn es so dramatische Ereignisse gibt wie die Mordserie der Zwickauer Terrorzelle, da gibt es an einem Tag zig Anfragen. Da kann man nicht auf Tauchstation gehen. Ich glaube, es ist auch den Journalisten recht, wenn sie wissen: Den können wir erreichen, wenn wir ihn brauchen. Stimmt doch oder?
Es gibt ein gewisses – ich sage mal – Amüsement darüber. Aber wahrscheinlich haben Sie Recht, ja.
BOSBACH: Für meine Mandanten in der Kanzlei gilt das Gleiche. Das gibt ihnen das Gefühl der Sicherheit: Wenn ich meinen Anwalt brauche, dann kann ich ihn auch erreichen. Und interessanterweise erlebe ich kaum, dass ich mit echten Lappalien behelligt werde. Die Leute wissen schon, wann es brenzlig wird und wenn sie unbedingt sofort Rat oder Hilfe brauchen. Dann sollen sie auch nicht von Freitag auf Montag vertröstet werden. Und mir gibt es auch ein gutes Gefühl: Wenn ich wirklich gebraucht werde, dann wissen die Menschen, dass sie sich auf mich verlassen können.
Das Interview führte Joachim Frank.




